Wetterauer Kulturpreis 2018 für Vera Rupp, Archäologin und Direktorin der Keltenwelt

Im Gespräch: Dr. Vera Rupp, Direktorin der Keltenwelt am Glauberg.

Das Museum der Keltenwelt am Glauberg zählt ohne Zweifel zu den bedeutendsten Archäologie-Museen in Deutschland. Europaweit gehört es zu den wenigen Häusern, die Fundstücke aus keltischer Zeit im Original direkt am Fundplatz präsentieren. Die Kelten beeinflussen unsere Kultur bis heute. Und sie geben uns immer noch viele Rätsel auf, so wie die reich verzierten Funde aus den Gräbern am Glauberg.

Copyright: Keltenwelt am Glauberg

 

Themenausstellung 2018 
Mythos Kelten?
Auf Spurensuche in Europa
28. März – 30. September

 

 

„Wir lieben alle das Geheimnisvolle“ 

landfest: Die Funde vom Glauberg und ihr einzigartiger Ausdruck begeistern jährlich zigtausende Besucher. Waren die Kelten in erster Linie Künstler?Dr. Vera Rupp, Keltenwelt am Glauberg

Vera Rupp:
Die Kelten waren vor allem eines: innovative Landwirte, grandiose Händler und meisterhafte Kunsthandwerker. Sie handelten mit Eisen, Waffen, Kunsthandwerk und mit Salz auf den alten Handelsrouten durch Europa. In jener Zeit, etwa 600 bis 400 Jahre vor Christus, entwickelte sich mit den wirtschaftlichen Erfolgen eine Oberschicht, die man nur als Elite bezeichnen kann. Zu ihr gehörten um 400 vor Christus zweifelsfrei auch der „Keltenfürst vom Glauberg“ und zwei Krieger, die am Fuße des Berges ebenfalls mit besonderen Beigaben bestattet worden waren. Ein Halsring aus fast reinem Gold war damals ein schlichtweg immens teures Luxusgut.

landfest: Woher stammen die Grabbeigaben? Die Verzierungen auf den Kannen, ihre Dekore, Fabelwesen, Zirkelmustern sind meisterlich.

Vera Rupp:  Unser „Keltenfürst“ muss sehr wohlhabend und einflussreich gewesen sein. Daher verfügte er sicher über politische, wirtschaftliche und vermutlich auch religiöse Macht.  Schon damals wurde dies mit entsprechenden Attributen gezeigt, über den Tod hinaus. Möglicherweise stammen die Objekte von Kunsthandwerkern, die auf Wanderschaft waren und am Glauberg Auftragsarbeiten erledigten. Oder Händler machten dort gute Geschäfte. Heute wissen wir, dass zum Beispiel die Perlen der roten Koralle, die wir als Zierrat auf Gewandspangen und einem Schwertgriff gefunden haben, aus dem Mittelmeerraum stammten. Genau wie heute mussten damals die Schmuckproduzenten kreativ sein, sich etwas einfallen lassen, um gut verkaufen zu können. 

landfest: Das klingt gar nicht ursprünglich, keltisch, sondern mehr nach modernem Marketing?

Vera Rupp:  Menschen sind Menschen, seien es die Kelten vor 2500 Jahren oder wir heute. Kreativität, Kunstschaffen, sich mit schönen Dingen zu umgeben, ist ein Motor, der die Menschen seit Urzeiten bewegt und antreibt. Besonders spannend finde ich es, solche übergreifenden Zusammenhänge zu erforschen und der Öffentlichkeit vorzustellen. Das ist ein wichtiger Teil unseres Ausstellungskonzeptes. Es geht nämlich nicht allein um die Präsentation von Schätzen, sondern darum, was Fundstücke uns über die Menschen und ihre Umwelt vergangener Zeiten sagen können.

Keltenwelt am Glauberg Detail Röhrenkanne Fuhrmannek
Copyright: Keltenwelt am Glauberg, Fuhrmannek

landfest: Woher hatten die frühen Kreativen ihre Inspiration?

Vera Rupp:  Die Etrusker und Griechen beeinflussten stark die keltischen Kunsthandwerker in punkto Form und Dekor. Aber erst die künstlerische Umsetzung der Gedankenwelt der Kelten nördlich der Alpen machte das Besondere ihrer Kunst aus. Wir können das gut an den  Mensch-Tier-Darstellungen und Mischwesen auf den beiden Bronzekannen vom Glauberg ablesen. Ein solches Wesen von großer Ausdruckskraft ist die Figur auf dem Deckel der Kanne aus Grab 2. Geflügeltes Pferd mit Raubtierkörper, angekettet. Wollte man im übertragenen Sinn das Wesen am Fortfliegen hindern, oder diente die Kette nur einem rein funktionalen Zweck, nämlich damit der Deckel nicht verloren ging? Rätsel über Rätsel.

landfest: Heute sind Kelten ja hoch im Trend, in der Kultur, im Design.

Vera Rupp:  Das Phänomen ist ganz präsent in der sogenannten Celtic-Folk-Music, der Fantasy-Literatur. Der bekannte schottische Fußballclub Celtic Glasgow nennt sich danach.  Die „Gallier“ Asterix und Obelix sind seit Jahrzehnten Stars der Comic-Fangemeinde. Es gibt aber auch diverse esoterische Strömungen, die man als Wissenschaftler oft in Frage stellen muss.  

landfest: So halten uns die Kelten weiter in ihrem Bann.

Vera Rupp:  Es entwickelte sich aus den Kelten der Eisenzeit ein Mythos, der weite Teile Europas einbezieht. Kurios ist dabei, dass sie sich vielleicht selbst nie als Kelten bezeichneten. Leider hinterließen sie keine schriftlichen Quellen. Elemente ihres Kunstschaffens haben sich nicht nur bis heute erhalten, sie wurden auch weiterentwickelt und teilweise neu erfunden. Gute Beispiele sind die Buchmalerei des Mittelalters und die Tattoomuster der Gegenwart. Ohne Zweifel handelt es sich dabei um ein einzigartiges und außerordentlich interessantes Phänomen, dem wir 2018 eine Sonderausstellung widmen. 

landfest: Stichwort Moderne. Ihre Museumsarchitektur kann man sich kaum moderner vorstellen.

Vera Rupp:  Wir sind stolz, als Archäologisches Landesmuseum Hessen in diesem wunderbaren Umfeld zu arbeiten und zu forschen. Ein Museumsgebäude in purer Landschaft hat schon was. Es fordert das Team heraus, bei allen Neuerungen im Gebäude und angrenzenden Museumsgarten kreativ zu sein, um interessante Themen für unsere Besucher zu entwickeln, umzusetzen und gleichzeitig den gestalterischen Spannungsbogen innen wie außen zu halten. Die vielen positiven Einträge in den Gästebüchern bestätigen uns, dass uns dies bislang hervorragend gelungen ist.

Über Dr. Vera Rupp
Nach ihrer Promotion war Dr. Vera Rupp am Archäologischen Museum Frankfurt tätig, von 1988 bis 2002 Kreisarchäologin des Wetteraukreises, an zahlreichen Grabungen und Publikationen beteiligt. 2002 wechselte sie als stellv. Landesarchäologin zur hessenARCHÄOLOGIE im Landesamt für Denkmalpflege Hessen, wo sie noch heute tätig ist. Seit 2011 ist Vera Rupp Direktorin der Keltenwelt am Glauberg.