Auf dem Wasser mit dem Niddapapst

landfest auf der Nidda mit Gottfried Lehr
Unterwegs mit Gottfried Lehr auf der Nidda

Fast wäre es eine verbotene Tour geworden. Also mussten wir bei Temperaturen um den Gefrierpunkt Anfang Februar ins Kanu steigen.

Während der Brut- und Setzzeit von März bis Ende September sind die renaturierten Abschnitte der Nidda für alle Wasserfahrzeuge gesperrt. Wer dafür verantwortlich ist, sitzt vorn im Boot: Gottfried Lehr. Titel hat er viele: Dozent an der Hochschule Geisenheim, Niddapapst, Harter Hesse. Vor allem ist der Gewässerökologe ein Pionier darin, brachliegenden Gewässern und tristen Kanälen neues Leben einzuhauchen. Das wollen wir uns näher anschauen, am besten auf dem Wasser.

Oberhalb unserer Einsatzstelle am Niddaknie hat der Biber ganze Arbeit geleistet. Seit Jahrhunderten war er ausgestorben, jetzt ist er wieder heimisch geworden. Als exzellenter Wasserbauer fällt er Bäume und leitet den Flusslauf um. Was aber tun, wenn der faszinierende Nager eine ganze Landschaft überfluten lässt und ein Traktor deshalb im Acker einbricht? Vorkehrungen sind getroffen. Auf unserem Gewässerabschnitt kann sich die Nidda weit ausbreiten. Sie ist aus ihrem Korsett befreit. „Die Interessen von Mensch und Biber unter einen Hut zu bringen, ist nicht einfach, aber essentiell“, so die Stimme vorn aus dem Bug. Schließlich soll der Biber auch für künftige Generationen wieder in der Natur zu sehen sein.

Bei guter Strömung ziehen die kargen Winterufer an uns vorüber. Kalt ist es. Überall finden sich Bissspuren vom Biber an den Baumrinden. An den Ufern sind noch die Kieslagen des Jahrtausende alten Flussbetts aus der Eiszeit zu sehen. Diesen Kies holt sich der Fluss zurück. Viele Tier- und Pflanzenarten leben ausschließlich in Flüssen. Sie gilt es zu pflegen. Deshalb ist die Nidda eine Lebensader für die Landschaft, ein natürlicher Wasserspeicher mit wichtiger Filterfunktion.

Ist der Eisvogel unbeobachtet, lässt er sich von seinem Jagdplatz pfeilschnell ins Wasser fallen, um täglich eine Unmenge kleiner Fische zu vertilgen, bis zu 80 Stück am Tag

Kaum paddeln wir mehr oder weniger geräuschlos um eine Kurve, schon schrecken einige hundert Meter entfernt Schwäne, Enten und Gänse auf. Die Natur braucht Ruhe. Wir hören den Ruf des Eisvogels. Er brütet in Höhlen der Steilufer. Neben Eisvogel, Biber und Storch sieht man im Sommer wieder seltene  Pflanzen wie die Schwanenblume und der Hahnenfuß. Die erfolgreiche Wiederansiedlung der Fischarten Barbe,  Nase und Meerforelle ist um den Schneider ergänzt und noch lange nicht beendet. „Der erste Maifisch seit Jahrhunderten ist eine Sensation“, freut sich Lehr. Genauso zeigt die europäische Flussschildkröte in der Nidda, wie schnell sich der einst geschundene Fluss regenerieren konnte. Am Gronauer Hof setzen wir wieder aus. Gottfried Lehr greift noch einmal ins Wasser und hält eine Süßwassermuschel in der Hand. Seit der letzten Eiszeit ist sie ausgestorben, aber aus Asien ist die Körbchenmuschel wieder nach Europa und in die Nidda zurückgekehrt.