Ein Friedberger Abend mit Showmaster und Schauspieler Ilja Richter

Kolumne von Anja Rothenstein 

Ich gehe nicht allzu viel aus. Das liegt daran, dass ich einfach keine Lust habe und mich zu Hause auch unglaublich wohl fühle. Mein Nest über den Dächern Bad Nauheims bietet mir Ruhe und einen phantastischen Blick über einen schönen Teil Wetterau, die Stadt bis zu dem wunderschönen Johannisberg. Klar, der Kleiderschrank ist voll und die Teile möchten ausgeführt werden … dennoch „there is always a BUT“ – wie es so schön heißt, und wieder ist ein Wochenende vorbei. Es grämt mich ganz und gar nicht. Umso mehr genieße ich dann einen Abend, an dem ich vor die Tür gehe.

An dem zweiten Samstag im Mai habe ich eine Verabredung – mit Winnetou, Karl May und … Ilja Richter. Aufgewachsen bin ich eigentlich mit allen dreien. Karl May einmal kennenzulernen, stand nie zur Debatte. Winnetou eigentlich auch nicht. Deshalb freue ich mich auf Ilja Richter. Herr Richter gehört irgendwie zum Leben dazu. Geschuldet der Tatsache wahrscheinlich, dass auch ich zu den Kindern vor vierzig Jahren gehörte, die einmal pro Woche frisch geduscht länger aufbleiben durften, um sich bei Butterbrot und Milram-Quark (Himbeer) in Disco-Show von buntem Schlagerprogramm sowie legendären Sketchen des lustigen Moderators berieseln zu lassen. Und ich gebe zu, dass ich den Berliner in meiner Tätigkeit als Redakteurin bereits am Telefon kennenlernen durfte. Dies war ein charmantes Vergnügen.

Aber wie ist der Charme des Allroundtalents in Wirklichkeit? Ich bin gespannt. Das Theater Altes Hallenbad im Herzen Friedbergs ist gut besucht. Es wird dunkel in dem historischen Ambiente, ein Spot geht an. Ein bisschen wie damals bei „Disco“: Licht aus, Spot an! Der Slogan wird Ilja Richter in seinem künstlerischen Leben wohl immer verfolgen, denke ich und schließe spontan die Augen. Er begrüßt sein Publikum und ich fühle mich wie damals im Wohnzimmer meiner Eltern – dieselbe Stimme, gleiche Betonungen, ähnliche Schwingungen. Total verrückt.

Ich lebe lieber im Jetzt – wie übrigens Ilja Richter auch – und öffne wieder die Augen. Kaum verändert hat sich der Schauspieler – bis auf Haarfarbe und ein kleines bisschen Bauch. Sein Kabarett ist klasse. Eine Hommage an Karl May – ironisch, bissig, von Herzen präsentiert, musikalisch untermalt. Es geht um den Mann May an sich, seine autorischen Werke in zweiter Linie. Winnetou ist zwangsläufig präsent, trotzdem nebensächlich. Wie schnell so ein Abend vergeht. Es ist dem Entertainer gelungen, sein Publikum zum Schmunzeln, Lachen, Mitmachen, aber auch Nachdenken zu bewegen und es mit Gedanken an einen großartigen Schriftsteller und sein schräges, widersprüchliches Leben zu verabschieden.

Und dann kommt der Moment, auf den ich neugierig warte: mein kleines „meet & great“. Und was soll ich sagen? Charmant wie am Telefon und auf der Bühne, ist Herr Richter auch hinter den Kulissen. Bei Pizza, Wein und mit vielen netten Leuten des Theater Altes Hallenbad lassen wir einen schönen Abend entspannt ausklingen. Ilja Richter ist ruhiger als kurz zuvor, und hat es sich auch verdient. Er ist zufrieden mit dem Tag. Alles hat prima geklappt. Ein bisschen Natur und Eindrücke der Wetterau hat der Berliner während seines kurzen Aufenthaltes auch bekommen. Gerne möchte er diesen schönen Landstrich wiedersehen – vielleicht mit einer neuen Show-Idee im Gepäck. Ich freue mich. Dann werde ich wieder ausgehen!

Der lange Weg zum Kabarett – Ilja Richter im Wandel der Zeit des Showbusiness