Der lange Weg zum Kabarett – Ilja Richter im Wandel der Zeit des Showbusiness

Anja Silke Rothenstein
über Ilja Richter und sein Gastspiel im Friedberger Theater „Altes Hallenbad“. 

Er ist Schauspieler, Autor und Moderator. „Disco“ machte den sympathischen Berliner in den frühen 70gern zum Publikumsliebling der Deutschen. Was den charmanten Berliner auszeichnen sind Heiterkeit, Ironie und eine große Portion Menschlichkeit. Ehrlich im Gespräch über sich selbst, seine Karriere, Medien und das Leben an sich, gibt er einen Einblick in jahrzehntelanges Showbusiness und dessen Wandlung.


Ein Blick zurück

Eine bestimmte Generation erinnert sich noch immer gerne an einen Moment vor Jahrzehnten. Frisch geduscht mit dem Versprechen unserer Eltern etwas länger aufbleiben zu dürfen, saßen wir (Kinder) vor dem Fernseher und freuten uns auf einen jungen Mann – gerade 18 Jahre alt – der schick im Anzug, seinen schwarzen Pilzkopf top frisiert, fröhlich in die Kamera grüßte: „Hallo Freunde!“

Leichte Kost, musikalisch bunt und abwechslungsreich, immer frisch und locker moderiert, garniert mit seinen eigens geschriebenen Sketchen. Ebenso wie das legendäre „Licht aus! Spot an!“

Das ist lange her.

Und heute? Heute mag der Berliner eigentlich keine nostalgischen Fragen. Er lebe lieber im Jetzt, sagt er knapp. Zu Nostalgie hat Richter eine ganz klare Meinung: „Das überlasse ich den anderen.“

Es war kein Freizeitvergnügen

Fragt man ihn dennoch, erinnert sich der 65-Jährige ehrlich – ohne die Vergangenheit zu sentimentalisieren oder gar romantisieren. Was er mit der Zeit damals verbinde? Richter spontan: Arbeit! Und nein! Es war kein Mordsspaß als Teenager vor der Kamera eine Musikshow zu moderieren…auch wenn es so schien.

Seine Arbeit im Deutschen Fernsehen war mit Hindernissen verbunden und mit heutigen Formaten nicht zu vergleichen. Die Vorgaben waren klar gesteckt, zu viele Verbote ausgesprochen. „Spaß zu vermitteln ist hart, wenn Themen wie Politik, Kirche oder Sex ein absolutes Tabu sind“, gibt Richter zu bedenken. Harmlosigkeit war oberstes Gesetz. Der junge Showmaster hatte Lust auf Kabarett. Niveauvolle Ironie und Parodie mit Biss und etwas Boshaftigkeit. Natürlich setzte er diese Art von Komödie nicht durch. Stattdessen griff er zum leichten Cabaret und nutze dies als Ventil, die Blödheit des Deutschen Schlagermarktes zu ertragen. Vom klassischen Kabarett träumte der junge Mann vorerst weiter. Ehrlich gibt der symphatische Berliner zu, sich nicht mit Wehmut an jene Zeit zu erinnern. „Ich blicke weder bitter, noch nostalgisch zurück“, schließt er realistisch ab.

Fernsehen im Wandel der Zeit

Ilja Richter betrachtet das Medium Fernsehen kritisch. Im Wandel der Zeit ist fernsehen kein Vergnügen mehr, es ist anstrengend geworden. „Wir leben in einer Welt der „Unkonzentration“, meint der Berliner nüchtern. Zappen mache wirr und extrem schlechte Laune…Er höre sowieso lieber Radio und das war schon immer so.

„Wenn ich tatsächlich fernsehe, finde ich es wunderbar, dass es heute neben all dem Schrott, dem Zynischen, Unmöglichen und Schrecklichen in Sachen Komik weitaus mehr Persönlichkeiten als damals gibt.“ Das sei wirklich erfreulich.

Der erfüllte Traum vom Kabarett

Als das ZDF „Licht und Spot“1982 für immer ausknipst, kehrte der junge Schauspieler im Alter von 30 Jahren auf die Theaterbühne zurück, wandelte mit der Zeit, passierte viele Stationen einer langen Karriere. Noch immer faszinierte ihn klassische Kabarett. Der Weg dorthin schien lang, aber Ilja Richter ist angekommen. Was der Schauspieler und Autor viele Jahre als Cabaret – das Leichte, Unverbindliche, etwas Frivole und Ironische, aber nicht Verletzende präsentiert, taucht nun endlich in Kabarett: angriffslustig, bissig und wohltuend böse. „Den Luxus kann ich mir heute leisten!“

Vergesst Winnetou – eine Hommage an Karl May. Obwohl sich Richter all die Jahre nur an drei eigene Kabarettstücke wagt, präsentiert er seit Herbst 2017 ein weiteres in Form einer musikalischen Lesung. „Vergesst ‚Winnetou“ vereint all das, was der Berliner seit Kindesbeinen künstlerisch aufgenommen, erlebt, gelebt und letztendlich verinnerlicht hat. Der Karl May Abend, eine Mischung aus Kabarett, Zitaten, Satire, Gesang, Kollage, Geräuschen, Gedanken, ist eine Hommage an einen Schriftsteller, der zu den größten unsere Zeit zählt.