Die Wetterau – mit allen Wassern gewaschen

Das Konzept des alten Wasserdoktors Kneipp ist nach 150 Jahren ziemlich modern und erfrischend für die Wetterau als Bäder-, Wasser- und Fitnessregion.

Die Mineral- und Heilwasservorkommen in der Wetterau zum Trinken oder für Badekuren sind in der ganzen Welt bekannt. Mitte des 19. Jahrhunderts nahmen beispielsweise Friedberger den Zugang zu ihrer Heilquelle in Schwalheim sehr ernst: 500 bis 600 Bewohner setzten sich mit Äxten und Stöcken im Brunnenkrach 1862 zur Wehr, weil die Heilquelle für sie weiterhin kostenfrei zugänglich sein sollte. Schließlich war der Sauerbrunnen als Gesundbrunnen tituliert. Um die steigende auch internationale Nachfrage zu bedienen, wurde gleich nebenan 1904 die Löwenquelle erschlossen. Noch im selben Jahr holte die Quelle auf der Weltausstellung in den USA, StLöwenquelle in Bad Nauheim. Louis, mit der Goldenen Medaille den 1. Platz. Und 1910 überzeugte sich die russische Zarenfamilie persönlich von der heilenden Wirkung der Schwalheimer Löwenquelle.

Wohin treibt die Kur- und Bäderregion?

In den Nachkriegsjahren wurden vor allem Kumpel aus dem Ruhrgebiet von ihren Krankenkassen nach Bad Vilbel geschickt: Über 12.000 Kuren verzeichnete man 1968 – dann brach die Entwicklung ab. Zu teuer wurde es für die Kostenträger. Ab 1970 gibt es keinen stationären Kurbetrieb mehr. Erst 1948 wurde Vilbel das jüngste hessische Bad. Das ist es noch heute, allerdings kam 1999 eine Abstufung. Bad Vilbel gilt mangels medizinischer Heilanwendungen nicht mehr als Mineralheilbad, sondern jetzt als Heilquellen-Kurbetrieb. Das 1972 eröffnete Hallenbad wird gerade abgerissen.

Ebenso musste die Bad Nauheimer Therme Ende 2015 aufgrund überholter Technik ihren Betrieb einstellen. Auch sie wird abgebrochen. Damit stehen zwei von drei Wetterauer Kurbädern ohne Badehalle da. Auch wenn neue Badeanlagen in der Entwicklung sind. Bad Vilbel plant mit der Bädergruppe Wund eine der größten Bade-, Tropen- und Saunawelten Deutschlands. Reizvoll ist die Frage, mit welcher Therapie sich eine Kur- und Gesundheitsregion selbst für die Zukunft fit macht? Bad Vilbels Kur- und Badearzt Ansgar Schultheis sieht jedenfalls die klassische Badekur als Auslaufmodell. Heute fahre man lieber in den Urlaub als in die Kur. Seine Aufgabe sieht er in Bad Vilbel vor allem darin, die Bevölkerung zur Bewegung und zum Sport zu animieren.

Kneipp und Lifestyle

Stille Wasser sind tief. Während sich viele Sport- und Bewegungsangebote immer mehr im Wettstreit gegen den Lifestyle behaupten müssen, könnte ein Pfarrer die passende Antwort für ein zeitgemäßes Gesundheitskonzept haben. „Ein gesundes Leben im Einklang mit der Natur führen und auf diese Art aktiv vorbeugen und Heilung finden.“ Den ganzheitlichen Ansatz hatte Sebastian Kneipp vor über 150 Jahren zur Grundlage seiner umfassenden Heilverfahren gemacht. Bis heute ist die gesundheitsfördernde und -erhaltende Wirkung der Anwendungen in den vielen Kneipp-Kurorten Deutschlands unumstritten. Mittlerweile hat der Kneipp-Verein Bad Nauheim-Friedberg-Bad Salzhausen um den Badearzt Lutz Ehnert deutlich über 1.000 Mitglieder und ist damit der größte in Hessen, neuerdings auch mit offizieller Geschäftsstelle im Badehaus. Büdingen und Bad Vilbel haben ebenso eine aktive Kneipp-Szene. Das Konzept gründet auf 5 Säulen.

  • Wasser: die Kaltreize spüren und erleben
  • Bewegung: Gelassenheit im Lieblingssport als Ausgleichssport
  • Ernährung: Abwechslungsreich, gesund, auch pflanzlich
  • Pflanzen: zurück zum Rohstoff Natur, Kräuter und deren Heilwirkung nutzen
  • Ordnung: Ausgewogenheit, Balance zu den Mitmenschen und zur Natur

Zu jeder der fünf Säulen hat die Wetterau viel, wenn nicht gar alles zu bieten. Bad Nauheim ist erfolgreich den Weg gegangen. Seit 2011 ist es anerkannter Kneipp-Kurort. Zudem hat der Kurort 2015 das Prädikat „Premium Class Kneippkurort“ vom Verband Deutscher Kneippheilbäder und Kneippkurorte erhalten. Als nächstes macht sich die Stadt auf dem Weg zum Kneipp-Heilbad.

Mit Blick auf die gestresste Zivilisation und ihre großen Heilsversprechen durch Nachhaltigkeit, Achtsamkeit und Entschleunigung ist das Konzept des Wasserdoktors nach 150 Jahren ziemlich modern und erfrischend für die Bäder-, Wasser- und Fitnessregion.