Eine Schnecke als Haustier?

Kolumne von Anja Rothenstein 

 

Fütterung der SchneckeEs gibt Dinge im Leben, die man einfach tut – ohne sich etwas dabei zu denken. Das kann Folgen haben. Verschiedene Folgen. Schwerwiegende, überraschende, ernsthafte, aber auch wunderbare Folgen mit einer Schnecke.

Die Schnecke

So geschah es, dass mein Sohn Noah vor acht Jahren auf dem Nachhauseweg vom Kindergarten eine Schnecke auf dem Gehweg entdeckte. Eine ganz normale Schnecke mit einem gelb-schwarzen Häuschen. Für Forschungszwecke zog jene Schnecke ein paar Tage bei uns ein, wart dann aber schnell wieder vergessen. Irgendwann entdeckte ich das Tierchen beim Aufräumen im Kinderzimmer. Sie hatte sich „zugekalkt“, heißt, der Eingang zu ihr war mit einer dünnen weißen Schicht bedeckt. Dass das für Schnecken bei Stress, großer Wärme oder extremer Kälte normal ist, lernte ich erst später. Aufgrund meines schlechten Gewissens ihr gegenüber und meinem Verantwortungsbewusstsein reanimierte ich sie mit einem feuchten Wattestäbchen und setzte sie erst einmal in die Küche in einen Kräutertopf. Da wir als Familie etwas anders ticken, wollte ich das Kriechtier nicht einfach vom Balkon in den Garten befördern. Noah sollte sie irgendwo in Bad Nauheim im Park wieder aussetzten. Zurück in die Wetterau.

Aber es kam anders

Die Schnecke fing an zu wandern. Aus dem Kräutertopf das Fenster hinauf und wieder herab, und das war putzig zu beobachten. Ihr Aufenthalt bei uns wurde verlängert. Sie störte ja auch nicht groß. Irgendwann entdeckte unsere neue Mitbewohnerin die ganze Küche für sich. Das erschwerte das Zusammenleben aufgrund der Gefahr, sie aus Versehen zu zerquetschen. Und so entstand (m)ein morgendliches Ritual – bis heute. Aufstehen, Kaffee, Schnecke suchen, den Tag beginnen. Die Schnecke blieb und wurde mit den Jahren ein richtiges Haustier. Wir lernten uns kennen und auch ein bisschen lieben.

Das neue Zuhause

Sie zog mit uns innerhalb der Kurstadt um, fand ihr Zuhause in einem Basilikum der hiesigen Region (der selbstverständlich regelmäßig ausgetauscht wird und aus Gefahrengründen nicht für den Verzehr zur Verfügung steht!) und hält uns, vielmehr mich, bisweilen ganz schön auf Trapp. Denn manchmal wandert sie an die unglaublichsten Stellen in der Küche und die ständige Angst, sie zu zerquetschen bleibt!
Denn: Schnecken sterben, wenn ihr Häuschen zerbricht.
Also müssen die Basilikumblätter immer frisch und prall sein, damit das kleine Tier nicht herunterfällt. Regelmäßig wird unsere Mitbewohnerin gefüttert. Zwei Tage dauert eine Mahlzeit, die sie sich inzwischen selbst einteilt. In ihrem pinken Fressnapf erfreut sie sich an frischem Obst und Gemüse. Gurke, Salat, Apfel, Erdbeere und Möhre stehen ganz oben auf ihrem Speiseplan. Da wir selbst gerne viel frisches Grünzeug und Obst – am liebsten direkt von Wetterauer Bauern – genießen, fällt für die Schnecke immer etwas Leckeres ab. Sie frisst stundenlang, zieht sich zwischenzeitlich in ihren Basilikum zum Ruhen zurück, kommt eigenständig wieder heraus, wenn der wieder Hunger ruft. Das ist tatsächlich wahnsinnig interessant zu beobachten.Anja Rothensteins Schnecke tanzt im Regen

Tanz im Regen

Auch sie beobachtet mit ihren Fühlerchen und kleinen Augen ihr Umfeld, wenn sie auf meiner Hand sitzt oder meinen Arm als Rennbahn nutzt. Tiefe Stimmen und grelles Licht mag sie nicht, dafür tanzen auf Basilikumblättern im Regen.

In den Ferien bekommt die Schnecke einen SNAILSITTER. Die meisten Airlines untersagen nämlich den Transport einer Schnecke in der Kabine. Erlaubt sind kleine Hunde und Katzen, auch Hamster… aber keine Schnecken. So muss sie daheim bleiben, hütet die Küche mit Blick auf den Johannisberg.
Unsere Nachbarn gießen in dieser Zeit liebevoll
täglich das grüne Zuhause und füttern sie. Trotzdem ist das Pärchen unter uns stets erleichtert, wenn unser Urlaub vorbei ist und es keine nennenswerten Vorkommnisse oder Fluchtgedanken des kleinen Tieres zu berichten gibt. Denn … die Schnecke im Notfall einfach gegen ein ähnliches Exemplar auszutauschen geht aufgrund ihres inzwischen sehr alten und farblosen Häuschens auch nicht mehr…Anja Rothenstein läßt ihre Schnecke rennen

Meinem Mann bin ich manchmal peinlich, wenn ich begeistert, voller Hingabe ohne mir etwas dabei zu denken, von „meiner Schnecke“ schwärme. Aber unser Freundes- und Bekanntenkreis hat inzwischen Schamesröte und fragende Blicke im Griff und der Groschen fällt bei dem Thema Schnecke relativ schnell – wenn auch immer ein Schmunzeln bleibt.

So kamen wir durch etwas unbedacht Spontanes vor acht Jahren an ein wundervolles kleines Wesen, das völlig untypisch seinen Platz in einer Familie gefunden hat.

Dass ich keine Schnecken mit Kräuterbutter und frischem Baguette mehr genießen kann, versteht sich von selbst.