Der Poelzig-Bau. Seine Umlaufbahnen prägen Deutschlands Bewusstsein bis heute. Acht Beispiele.

Wer das Areal und den Poelzig-Bau im Westend betritt, gerät auf Umlaufbahnen, die Frankfurt weit umkreisen. Ihre zentrifugalen Kräften legen das bundesrepublikanische Bewusstsein offen. Acht Beispiele und Eigenschaften:

(1) Wirtschaftskraft: Deutschlands erster Global Player

Vor einhundert Jahren, am 2. Dezember 1925, gingen Deutschlands führenden Chemiefabriken in der Interessensgemeinschaft Farbenindustrie AG (I.G. Farben) auf. Um den Absatzschwierigkeiten zu begegnen, schlossen sich die Unternehmen des Dreibunds (Agfa, BASF und Bayer), des Dreierverbands (Hoechst, Cassella, Kalle) und die Chemischen Fabriken Weiler-ter Meer zu einer monopolartigen Struktur zusammen. BASF-Vorstand Carl Bosch (Haber-Bosch-Verfahren zur synthetischen Herstellung von Ammoniak) wurde der erste Vorstandschef der I.G. Farben.

Ein Verwaltungsgebäude musste her – für das größte Chemieunternehmen der Welt. Die Wahl fiel auf Frankfurt, auf den Ostteil des Schlossparks der Familie Rothschild an der Grüneburg. 1928 erwarten die I.G. Farben den Bauplatz der vorherigen, im Volksmund genannten Nervenheilanstalt „Affenstein“. Die eigenwillige Großgründung des Industriekonglomerats mag bezeichnend für Frankfurts Selbstbewusstsein sein. Viele Fäden der Frankfurter Gesellschaft und Wirtschaft hängen noch heute an den Fundamenten der 2003 vollständig liquidierten Interessensgemeinschaft.

(2) Pathos: Filmreife Baugeschichte und ein Fanal der Übertreibung

Fünf Architekturbüros, auch das Frankfurter Team Ernst May und Martin Elsaesser, rangen um das riesige Projektvolumen gerungen. Den Bauherren schwebte ein Gebäude vor wie von General Motors in Detroit. Bis auf Poelzig, alle wollten ein Hochhaus auf das weitläufige Grüneburggelände stellen. Poelzigs siegreicher Entwurf ging monumental in die Breite. Die Opulenz des 250 Meter langgestreckten siebengeschossigen Baukörpers begeisterte Carl Bosch. Er spürte den strengen Pathos dieses filmreif arrangierten Geländes und der majestätischen Casino-Terrassen. Fertigstellung 1930, in Rekordzeit. Erstmals organisierte sich eine Baustelle in Deutschland nach dem amerikanischen Just in Time-Prinzip. In 24 Monaten wurden 4.600 Tonnen Stahl verbaut, 33.000 Quadratmeter der Außenfront mit Cannstätter Travertinplatten verkleidet. Theodor Heuss nannte den Poelzig-Bau „Palast als Fürstentum des Geldes“. Jedenfalls steht hier ein architektonisches – man sagt: das stadtkrönende – Bollwerk, mit dem Frankfurt Baugeschichte geschrieben hat.

(3) Atomares Trauma: Nobelpreisträger und beginnendes Atomzeitalter

Vorstand und Chemie-Nobelpreisträger Carl Bosch wurde 1937 auch Präsident der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft (KWG). Bosch genoss als Chef der Frankfurter I.G. Farben zunächst das Vertrauen der NSDAP. Doch ihr weitreichendes Führerprinzip bedeutete auch umfassende Eingriffsrechte in die Forschungen der KWG. Hier arbeitete noch ein weiterer Frankfurter. Otto Hahn entstammte dem Frankfurter Handwerksbetrieb Glasbau Hahn. In seinen radiochemischen Experimenten am KW Institut für Chemie entdeckte Hahn 1938 – zusammen mit Lise Meitner und Fritz Strassmann – die Kernspaltung von Uran, die zusätzlich Neutronen in einer Kettenreaktion freisetzte. Lise Meitner verlor ihre Lehrbefugnis, ihre Lebenssituation wurde als Jüdin im NS-Staat sehr kritisch. Otto Hahn bat Carl Bosch um Hilfe. Um eine Ausreiseerlaubnis für Lise Meitner zu erwirken, schrieb der I.G. Farbenvorstand und Präsident der KWG an das Auswärtige Amt. Vergeblich. Meitner floh mit Hahns Hilfe über die grüne Grenze nach Holland.

Die drei Kernphysiker und Chemiker leiteten das Atomzeitalter ein und werden das, was die Menschheit an Weltvernichtungspotenzial daraus gemacht hat, nicht gewollt haben: die Entwicklung von Kernreaktoren durch die Heisenberg-Gruppe, den Abwurf der ersten Atombombe und militärisches Dominanzstreben. Hahn wurde 1944 mit dem Nobelpreis für Chemie ausgezeichnet und ein vehementer Gegner der nuklearen Aufrüstung in Deutschland (Göttinger Appell von 1957 der wichtigsten Kernphysiker). Sein Credo galt einem positiven Umweltbeitrag: „Anstelle der immer knapper werdenden Vorräte an Kohle und Erdöl tritt die Atomkraft für friedliche Zwecke auf den Plan.“ Das Göttinger Manifest um Otto Hahn löste die Anti-Atomkraftbewegung aus – die erste außerparlamentarische Opposition in der jungen Bundesrepublik. Und nicht zuletzt: Hahn besuchte den US-Kommandanten General Lucius Clay im Poelzig-Bau, um die Neugründung der KWG anzusprechen. Mit Erfolg, allerdings unter einem anderem Namen. Sie ist die heutige Max-Planck-Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaften.

(4) NS-Vergangenheit: Faschistische Exekutive hat liberales Unternehmertum verdrängt

Der NSDAP war die I.G. Farben lange ein Dorn im Auge. Wollte man doch in erster Linie die Arbeiterschaft und Handwerksbetriebe fördern. Der Konzern sei ein „kapitalistischer, jüdischer Moloch“. Kaum verwunderlich, dass der überwiegend liberal großbürgerliche Vorstand in kritischer Distanz zu den pöbelnden Rechtsradikalen stand. Bis 1932 als sich der Wahlsieg der Nationalisten abzeichnete. Vorsorglich überreichte Vorstand Georg von Schnitzler der NSDAP die bis dahin größte Einzelspende, 400.000 Reichsmark.

Carl Bosch entglitt die Führung des Unternehmens. Das führte dazu, dass ab 1933 die jüdischen Aufsichtsräte, Gründer und Gesellschafter aus dem Unternehmen verdrängt wurde. Arthur von Weinberg starb im Konzentrationslager Theresienstadt. Der faschistische Terror traf auch die Oberklasse. Die nachdrückende, völkisch gestimmte Management-Generation sah größere Chancen für sich und das Unternehmen in der Kollaboration mit Hitler und Reichsmarschall Göring, dem Organisator der Aufrüstung zur Kriegswirtschaft. Man traf sich, sicherte sich gegenseitige Unterstützung zu und begann, private Villen zu bauen.

Der Chemiekonzern wurde zum Hauptlieferanten drei kriegswichtiger Materialien (Stickstoff durch das Haber-Bosch-Verfahren, Buna/Kautschuk und synthetisches Benzin). Zwischen 1933 und 1943 stieg der Nettogewinn um das Fünffache. Doch das neue Management führte die I.G. Farben in den moralischen und wirtschaftlichen Untergang. Vorstand Fritz ter Meer ließ in Schlesien ein gigantisches Buna-Werk bauen und dazu das Konzentrationslager Monowitz (Ausschwitz III). Das KZ verkaufte die Arbeiter an I.G. Farben, wodurch sich die SS finanzierte und der Konzern Personalkosten sparte. Etwa 28.000 Zwangsarbeiter kamen zu Tode. Das in den Konzentrationslagern eingesetzte Giftgas Zyklon B zur Vernichtung der Häftlinge produzierte die I.G.-Tochter Degesch.

(5) Aufklärungsarbeit: Wollheim Memorial, Fritz-Bauer-Institut, Frankfurter Prozesse

„Wir sind gerettet, aber nicht befreit.Norbert Wollheim, ein Überlebender des KZ Buna/Monowitz, verklagte 1951 die in Liquidation befindliche I.G. Farben am Landgericht Frankfurt am Main auf Schmerzensgeld und Entschädigung. Das Gericht verurteilte I.G. Farben zur Zahlung von 10.000 DM. Das Berufungsverfahren vor dem Oberlandesgericht Frankfurt endete mit einem Vergleich und einer Zahlung von 30 Millionen DM an ehemalige Zwangsarbeiter der I.G. Farben im KZ Buna/Monowitz und Nebenlager Fürstengrube und Janinagrube. (Wollheim Memorial auf dem Poelzig-Areal).

Bei den Nürnberger Prozessen 1948 saß der Konzernvorstand auf der Anklagebank. Auch von Schnitzler und Ter Meer wurden als Kriegsverbrecher (Plünderung und Sklaverei) verurteilt. Ter Meer entging 1950 seiner siebenjährigen Haftstrafe nach guter Führung, wurde 1956 bis 1964 Aufsichtsratsvorsitzende der Bayer AG und mit einer auf ihn lautenden Stiftung geehrt.

Eine wirkliche realitätsnahe, strafrechtliche Aufarbeitung hätte es in Nürnberg nicht gegeben, sagten damalige Prozessbeobachter. Das sollten die drei Frankfurter Ausschwitzprozesse zwischen 1963-1968 übernehmen, nachdem Fritz Bauer den NS-Verbrecher Joseph Eichmann 1961 aufspüren konnte, und Eichmann in Israel zu Tode verurteilt wurde. Um weitere NS-Funktionäre vor Gericht zu bringen, holte Ministerpräsident Georg August Zinn Hessens Generalstaatsanwalt Fritz Bauer nach Frankfurt. Seine akribische Detailarbeit und die der beteiligten Staatsanwälte stärkten bis heute die weiteren Aufklärungsmöglichkeiten an den Massenverbrechen der NS-Zeit und die juristische Verfolgung von Einzeltätern. Dieser Anspruch hallt selbst im laufenden Reichsbürgerprozess vor dem Frankfurter Oberlandesgericht noch nach.

Das Fritz-Bauer-Institut hat seinen Sitz im Poelzig-Bau. Siehe auch: Die Verflechtungen der I.G. Farben mit Buna-Ausschwitz, Fritz-Bauer-Institut: Wirtschaft und Politik im Nationalsozialismus.

(6) Zur Demokratie verpflichtet: Das Frankfurter Geburtszimmer der Bundesrepublik

Wohl niemand dachte am 1. Juli 1948 daran, dass die Frankfurter Dokumente, die Lucius D. Clay (USA), Sir Brian H. Robertson (Großbritannien) und Marie-Pierre Kœnig (Frankreich) den westdeutschen Ministerpräsidenten im I.G.-Farbenhaus übergaben, Deutschland in die Weltgemeinschaft zurückholten und gleichsam die Weltordnung in Ost und West beschleunigten. Ebenso unvorstellbar war es, dass acht Jahrzehnte später die USA ihre Umarmung lösen und das bis dahin mit Deutschland und Europa geteilte Wertegerüst abrupt fallenlassen würden.

Frankfurt, Sommer 1948: Die Militärgouverneure der drei Westmächte beauftragten die im I.G. Farbenhaus versammelten elf Ministerpräsidenten, dass sie eine Verfassunggebende Versammlung einberufen. Sie sollten ihre Länder neu ordnen und die Gründung eines demokratischen, rechtsstaatlichen und föderalen Staates vorbereiten. Zuvor waren die Alliiertengespräche mit der Sowjetunion gescheitert. Zu groß waren die machtpolitischen Gegensätze. Der sowjetische Militärgouverneur verließ daraufhin den Alliierten Kontrollrat in Berlin. Deutschlands Vier-Mächte-Verwaltung war im März 1948 faktisch beendet. Direkt folgten die Gründung der Trizone (USA, GB, FR), der Marshall-Plan, die Berlin-Blockade durch die UdSSR und die enge Westbindung Deutschlands mit den symbolträchtigen Hilfslieferungen über die Luftbrücke nach Berlin.

Die Teilung Deutschlands sollte keinesfalls endgültig sein. So konnten sich die Ministerpräsidenten mit den Alliierten auf die provisorische Konstituierung eines (West-)Staates einigen. Statt einer Verfassung sollte ein Grundgesetz erarbeitet und statt einer Verfassunggebenden Versammlung ein Parlamentarischer Rat einberufen werden, der Konrad Adenauer am 1. September 1948 zum Präsidenten wählte. Schließlich genehmigten die Militärgouverneure nach einer dramatischen Sitzung den Gesetzestext im Frankfurter Poelzig-Bau. Daraufhin konnte Adenauer am 23. Mai 1949 in Bonn das Grundgesetz verkünden, das kurz darauf in Kraft trat.
Siehe auch: Die Frankfurter Dokumente – der Beginn einer neuen Ordnung (Goethe-Universität)

(7) Hauptquartier der USA: Viele US-Soldaten sind alte Frankfurter

An den Fenstern von Konferenzraum 130 ließ sich wenige Monate vor Kriegsende noch der eine oder andere Farbendirektor blicken. Jetzt war es das Büro von General Dwight D. Eisenhower. Der spätere 34. US-Präsident blickte auf das zerstörte Stadtpanorama, die Totenstadt. In den letzten Kämpfen um Frankfurt wurde der Poelzig-Bau nur leicht beschädigt. Den Infanteriebeschuss überstanden auch einige angrenzende Westend-Villen. Am 28. März 1945 hatten die Amerikaner das gesamte Stadtgebiet eingenommen. Umgehend funktionierten sie den Poelzig-Bau zum Mittelpunkt ihrer Militärregierung um. Drei Jahre später zog das Hauptquartier des Oberkommandieren der alliierten Streitkräfte in Europa von Reims nach Frankfurt.

Kalter Krieg: die Spannungen zwischen Ost und West nahmen zu. Die US-Streitkräfte verlegte ihre mit der Landung an der Normandie (Operation Overlord) ruhmreiche Garnison nach Deutschland: zuerst hatte das V. Korps sein Hauptquartier in Bad Nauheim, ab 1951, für mehr als 40 Jahre im Poelzig-Bau. Auch das deutsche Hauptquartier der CIA war untergebracht. Einsätze der US-Streitkräfte im Vietnam-Krieg sollen von hier aus befehligt worden sein.

Der Historiker der US-Armee, Charles Kirkpatrick, bezeichnete die in Deutschland stationierten Soldaten als die am besten ausgebildeten der gesamten US-Armee. Unter Generalleutnant Creighton Abrams trainierte das Korps ununterbrochen. Seine Großübungen an der innerdeutschen Grenze zur Sowjetzone (am Fulda-Gap) in den 60igern waren politisch brisant und internationale umstritten. John F. Kennedy war aber entschlossen. Der Truppenverband sollte zeigen, dass die USA im Ernstfall Europa verteidigen würden. Damit wurde Frankfurt ein Sprungbrett für US-Karrieren. Die Kommandeure des V. Korps gelangten in höchste Regierungsämter der USA, wie der spätere US-Außenminister Colin L. Powell. Übrigens veranlasste er im Poelzig-Bau wesentliche, Substanz erhaltene Sanierungsmaßnahmen.

Die I.G. Farben AG nutzte ihren Prachtbau gerade einmal 15 Jahren, die Amerikaner 43 Jahre. Zum letzten Mal holten sie am 1. Dezember 1994 die Garnisonsfahne ein. Für Kirkpatrick ist „das Farben-Building in die Mythologie des amerikanischen Militärs eingegangen“. Über Jahrzehnte hätte sich der Gebäudekomplex tief ins Bewusstsein zigtausender Soldaten, Zivilisten und Familienangehöriger eingegraben. Dasselbe gilt für die Frankfurter Gesellschaft und ihre Stadtkultur. Als Creighton Abrams 1963 das Kommando übernahm, begrüßte er die Presse: „Ich bin sozusagen ein alter Frankfurter.“

(8) Politischer Extremismus: RAF startete ihre erste bundesweite Terrorwelle

Die Amerikaner hatten ihren Poelzig-Bau bis in die 80iger Jahre nicht sonderlich gesichert. Busse hielten, Fahrräder wurden abgestellt, Passanten besuchten den weitläufigen Park. Dann, abends am 11. Mai 1972 detonierten drei Rohrbomben: zwei im Foyer des Hauptgebäudes und eine am Casino, dem Terrace Club, die US-Offizier Paul A. Bloomquist tötete. 13 Personen wurden teils schwer verletzt. Zum Anschlag bekannte sich das „Kommando Petra Schelm“. Sie war die erste getötete RAF-Terroristin, als sie im Juli 1971 nach einer Verfolgungsjagd und Schießerei mit der Polizei in Hamburg ihrer Kopfverletzung erlag.

Frankfurt wurde Anfang der 70iger zum Hauptquartier der RAF, und zwar mittendrin in einem ihrer zentralen Aktionsfelder. Die Bomben gegen das US-Korps bauten die beiden bereits stadtbekannten Kaufhausbrandstifter Andreas Baader und Gudrun Ensslin sowie Jan-Carl-Raspe und Holger Meins. Rächen wollten sie den Vietkong. Denn die US-Luftwaffe hatte begonnen, Häfen in Nordvietnam zu verminen. Die Köpfe der ersten RAF-Generation bauten die Bomben in einem Bornheimer Hochhauskomplex zusammen. Alles hätte in die Luft fliegen können. Unter haarsträubenden Bedingungen durchmahlten sie mit Kaffeemühlen hunderte Kilo an Sprengstoffen. Die Ladungen waren für weitere Anschläge in den darauffolgenden Mai-Tagen bestimmt: in Augsburg (gegen die Polizeidirektion), Karlsruhe (gegen den Richter am Bundesgerichtshof Wolfgang Buddenberg und seine Ehefrau), München (gegen das Landeskriminalamt) und in Heidelberg (wieder gegen die US-Armee). Weitere Tote und viele Schwerverletzte. Die im Hamburger Springer-Hochhaus explodierten Bomben hatte Ulrike Meinhof auch aus der Bornheimer Wohnung abgeholt, weitere 33 schwerverletzte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bei Springer.

Vier Jahre später der zweite Anschlag auf das V. US-Korps, 16 Verletzte und erhebliche Verwüstungen. 1982 folgten noch zwei Anschläge, die den vier Frankfurter „Revolutionären Zellen“ im direkten Umfeld der RAF zugeschrieben wurden. Ab dann war das Poelzig-Areal militärisches Sperrgebiet. Die Rädelsführer der ersten RAF-Generation waren längst im Sommer 1972 gefasst worden (unter anderem Baader, Meins, Raspe in einen Hinterhof im Dornbusch.) Doch das Ende des bewaffneten Linksextremismus war das noch lange nicht. Ganz im Gegenteil.

Mit der 1972er Mai-Offensive kam eine lang anhaltende, bis in die 90er Jahre reichende terroristische Gewaltwelle der nächsten RAF-Generationen in Gang. Unzählige Kreise aus Sympathisanten und zersplitterte Strukturen legaler, halb-konspirativer und illegaler Unterstützung formierten sich. Ihre Aktionen auf allen gesellschaftlichen Ebene gegen „imperiale und kapitalistische Herrschaftsstrukturen in den USA und Deutschland“ stellten Deutschlands Rechtspolitik auf eine harte Probe. Allesamt haben zumindest hierzulande das Bewusstsein für die Verfassungs- und Verhältnismäßigkeit demokratisch zu legitimierender Abwehrmaßnahmen gegen politische Gewalt sensibilisiert und geschärft. Frankfurts bisherige Besonnenheit und Widerstandskraft im Umgang mit drohenden eskalierenden Konflikten wird nicht zuletzt auf die einschneidende Terror-Erfahrung der 70iger Jahre zurückgehen.

-> Eine weitere Umlaufbahn, die Frankfurter Schule, folgt