
Das Frankfurter Stadtgebiet soll bereits 2035 klimaneutral werden, zehn Jahre früher als Deutschlands Klimaziel. Während Hamburgs hart durchkämpfter Bürgerentscheid, die Klimaneutralität von 2045 auf 2040 vorzuziehen, Empörungswellen auslöste, dass der Stadt beispielsweise die Verarmung drohe, blieben Frankfurts sonst weniger stillen Ambitionen diesmal weitgehend unbemerkt. Der Magistrat hatte für seine überarbeitete Nachhaltigkeitsstrategie 2030+ nicht einfach die EU-weiten Ziele zur CO2-Reduktion bis 2030 (minus 55 Prozent gegenüber 1999) und bis 2040 (minus 90 Prozent) übernommen. Keineswegs. Sogar 15 Jahre früher als die EU, zehn Jahre früher als die Bundesrepublik und fünf Jahre früher als Hamburg will Frankfurt am Main keine zusätzlichen Treibhausgase mehr in die Atmosphäre pusten.
Grundlagen, Handlungsfelder und eine EZB, die zur Nachhaltigkeit drängt
Die in der Stadtverordnetenversammlung beschlossene Nachhaltigkeitsstrategie 2030+ umfasst zunächst vier Handlungsfelder:
– Globale Verantwortung, eine Welt und nachhaltige Beschaffung,
– Nachhaltige Stadtentwicklung,
– Klima, Umwelt und Ressourcen,
– Nachhaltige Mobilität.
Grundlagen bilden der Nachhaltigkeitsbericht 2020 der Stadt und die Agenda 2030 der Vereinten Nationen mit ihren 17 Nachhaltigkeitszielen (SDGs). Meist gehen sie in der öffentlichen Diskussion unter, doch bilden sie den eigentlichen Handlungsrahmen zur Nachhaltigkeit: nämlich die verfassungsgemäßen Klima- und Umweltschutzverpflichtungen, die im Grundgesetz verankert sind und die der Bund auf europäischer Ebene und international mit völkerrechtlich bindenden Verträgen eingegangen ist. Wenn Deutschland bis 2045 in seinen Bundesländern klimaneutral werden will, müssen die Städte und Kommunen mitziehen. Ohne sie wird es nicht gehen. Daher ist der Frankfurter Weg pädagogisch durchaus kohärent. Wer beim Klimaschutz über das Ziel hinausschießt, erreicht ihn möglicherweise nur so.
Auch die Europäische Zentralbank macht an ihrem Frankfurter Hauptsitz klar. Klimaschutzaspekte sind ein fester Bestandteil der Finanzaufsicht. Die EZB drängt regelrecht zur ökologischen Transformation der Unternehmenslandschaft. Denn die Finanzierungskraft der Kreditinstitute könne bei einem außergewöhnlichen Stressszenario deutlich gestört werden, sollten negative Entwicklungen im Finanzsystem mit strikteren Klimaanforderungen, technologischen Umbrüche oder veränderten Kundenpräferenzen zusammentreffen.
Frankfurt macht die eigene Nachhaltigkeit transparent
Je länger eine Wegstrecke ist, desto hilfreicher sind für die Navigation Informationen über die erreichten Etappen. Auch um die bisherige Berichterstattung zur Nachhaltigkeit zusammenzuführen, hat die Initiative Frankfurt GreenCity ein öffentliches, digitales Dashboard gestartet. 45 Indikatoren sollen Transparenz schaffen, ob die Stadt ihr Nachhaltigkeitsziele umsetzt und erreicht. Im Handlungsfeld Mobilität überrascht zum Beispiel, dass bereits knapp 80 Prozent der Wege im Stadtgebiet klimaneutral zu Fuß, mit dem Fahrrad oder per ÖPNV zurückgelegt werden. Im Handlungsfeld Klima, Umwelt und Ressourcen hat sich zum Beispiel der tägliche Wasserverbrauch pro Kopf von 335 Litern im Jahr 1977 auf 183 Liter in 2024 fast halbiert.
Frankfurt als Fairtrade Town
Noch vor zwei Jahren forderte die Römer-Koalition vom Magistrat, entsiegelte Flächen in klimaangepasste und „schön“ anzusehende Bepflanzungen umzuwandeln. Deutlich ambitionierter klingt nun die neue Nachhaltigkeitsstrategie 2030+ mit ihrem Dashboard. Außerdem soll Frankfurt zur „Fairtrade Town“ werden, was erstmal durchweg positiv klingt. Ist das erste Handlungsfeld „Globale Verantwortung, eine Welt und nachhaltige Beschaffung“ tatsächlich ernst gemeint, wären allerdings weite Teile des städtischen Öko- und Ecosystems auf den Kopf zustellen. Ein hehrer Anspruch. Strenggenommen müssten alle Anrainer der Zeil, der drittgrößten Einkaufsstraße Deutschlands, mit ins Boot.
Kommunikation und Framing-Effekte
Der Kognitionspsychologe und Wirtschaftsnobelpreisträger Daniel Kahnemann (1934-2024) hatte die uns alle betreffende Maschine für voreilige Schlussfolgerungen untersucht (Schnelles Denken, langsames Denken, 2011). Demnach rufen Framing-Effekte je nach Darbietungsweise derselben Information oftmals unterschiedliche Emotionen hervor. Fairtrade Town klingt schön. So geraten Gewissensbisse, Zweifel und Assoziationen an die Müllberge von expandierenden Textildiscountern schnell in den Hintergrund. „Das Ausmaß, in dem wir an unsere Überzeugungen glauben, hängt überwiegend von der Qualität der Geschichte ab, die wir über das erzählen können, was wir sehen, auch wenn wir nur wenig sehen.“ Laut Kahneman ist die Selbstüberschätzung bei der Entscheidungsfindung („Nur was man sieht, zählt.“) weit verbreitet. Meist führe sie zu Entscheidungsfehlern. Wie ist das beim Klimaschutz und bei den Maßnahmen zum Ressourcenschutz? Nüchtern betrachtet, ist die Vorstellung einer „Fairtrade Town“ sicherlich überschätzt. Möglicherweise treibt sie aber gerade deshalb das Handeln voran – wie eine kommunikative Abwehrmaßnahme gegen die vielerorts nicht weniger emotionalen Attacken gegen die nachhaltige Transformation.