Essay, Ulrich Siebert

Im Großen Hirschgraben 23-25 eröffnete 2021 das erste Romantik-Museum der Welt. Dem modernistisch dreigliedrigen Bau ist das gelungen, was Stadtbaurat Ernst May vor 100 Jahren für Frankfurt proklamierte: eine baulich visionären Erneuerung. Präsentiert werden Gefühle im Ideenmeer. Sie können im stillen Kämmerlein Angst und Schrecken ausbrüten, vor allem, wenn sich zu einem fantasiebegabten Geist noch einer triebhafter Weltwille gesellt.
Mehr Licht, das Goethe auf seinem Sterbebett im Weimar noch verlangt haben soll, hätte den Exponaten der Früh- und Spätromantiker stark zugesetzt. Fast ohne Fenster, steht die geschlossenen Fassade recht breitschultrig neben dem Goethehaus. Besucher versuchen sich im Dämmerlicht zwischen den Originalen, Schriften, Briefen, Graphiken, Gemälden aus den Sammlungen des Freien Deutschen Hochstifts zu orientieren. Wunderraum grenzt an Wunderraum.

Goethe: Romantik ist eine Krankheit
Frankfurts berühmtestem Bürger ging die aufgeregte Subjektivität und Abkehr von Wissenschaftlichkeit gehörig gegen den Strich. Die Deutschland tief prägende Kulturepoche war ihm zeitlebens ominös. Eine Krankheit sei das. Goethe beargwöhnte die Unfähigkeit zur Entsagung wie zur Mäßigung und Versöhnung. Alles das seien Folgen von Begierden, Egoismen, vom Streben nach Extremen und flüchtenden Sehnsüchten.
Kritisches der Frankfurter Schule:
Reflexionen zur Vernunft und Irrationalität sind eine Frankfurter Spezialität – ihre Stars: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno und Leo Löwenthal vom Institut für Sozialforschung in der Senckenberg Anlage 26. Dass eine verallgemeinerte Vorstellung von Vernunft in Ideologie und Unterdrückung umschlagen kann, prägte ihre kritische Theorie, die sie während ihrer Emigration in Kalifornien verfassten und erstmals als Dialektik der Aufklärung 1947 in Amsterdam veröffentlichten.
Im Frankfurter Institut wurden die Folgen der irrationalen Unterwerfung der Natur ein Thema, die scheinbar rationale, zwanghafte Naturbeherrschung durch den Menschen. In einer „verwilderten Selbstbehauptung“ lebe das Verhältnis der Menschen und ihrer inneren Natur zueinander wieder auf, das mit der Vernunft und äußeren Naturbeherrschung doch eigentlich als bezwungen erschien. „Der Mensch verfällt letztlich wieder der Natur.“
Ein Superstar der Romantik in New York
Stufe für Stufe steigt man in dem Museum auf einer schmalen Himmelstreppe hinauf. Im multimedialen Großformat rechts der Mönch am Meer. „Wer will es wissen, was einzig schön ist, und wer kann es lehren? O!, Ihr trockenen ledernden Alltagsmenschen ersinnet immerhin Regeln! Die Menge wird Euch loben für die dargebotenen Krücken, wer aber eigene Kraft fühlt, verlacht euch.“ Gesprochen von Caspar David Friedrich, klingt er wie ein Seelengefährte der Frankfurter Schule. Sein Mönch im Original stand bis Mitte Mai 2025 im Metropolitan Museum of Art, das erstmals den romantischen Superstar in den Vereinigten Staaten gezeigt hat: „Die Seele der Natur“, war die Retrospektive betitelt.
Warum erst 2025 einen in den USA kaum bekannten deutschen Landschaftsmaler der Romantik auf die große Bühne stellen? Direktor Max Hollein, 2016 von Frankfurt nach San Francisco aufgebrochen und nach zwei Jahren zum Metropolitan Museum in New York übergesiedelt, bewegten möglicherweise die beklemmenden Aufbrüche ins Ungewisse – spirituelle Naturerlebnisse, während die Trump-Administration einen Kahlschlag nach dem anderen plant. Der Romantiker im Big Apple, der nach Mainhatten zwinkert? Immerhin ruft Manhattans 46 Meter hohe Liberty-Statue an der Südspitze den Seefahrern zu: „Freiheit erleuchtet die Welt“. Doch bei allem, was wir heute wissen, sind solche Romantisierungen auch Warnzeichen vor neuem Unheil.
Neue Kampflust: „Der Gedanke geht der Tat voraus“
Gefühle im Ideenmeer, die eine aufklärerische Arroganz gern beiseite schiebt, können im stillen Kämmerlein Angst und Schrecken ausbrüten, besonders, wenn sich zum fantasiebegabten Geist noch triebhafter Weltwille gesellt. Heinrich Heine warnte die Franzosen 1833/34 in seinem Donner-Essay, dass die revolutionäre Geisteshaltung in Deutschland eine neue Kampflust entfache. „Der Gedanke geht der Tat voraus, wie der Blitz dem Donner. Der deutsche Donner … kommt etwas langsam herangerollt; aber kommen wird er, und wenn Ihr es einst krachen hört, wie es noch niemals in der Weltgeschichte gekracht, so wisst, der deutsche Donner hat endlich sein Ziel erreicht.“
Heines Sensorik detektierte einen über 100 Jahre lang heranrollenden Donner bis zu den grölenden Feuersprüchen auf dem Frankfurter Römerberg 1933. Die Gedanken jüdischer und politisch unliebsamer Schriftsteller brannten. Der romantisierenden Glut folgten Unterdrückung und Vernichtung von Millionen Menschen.
Politische Monstren haben oft einen romantisierendem Vorlauf
Rüdiger Safranski beschreibt in seiner Romantik (eine deutsche Affäre, 2009), wie sie nichts an ihrer Faszination verloren hat, aber auch wie man es im ekstatischen Lebensstrom plötzlich mit Dämonen zu tun bekommt. Politische Monstren hätten eine romantisierende Vorlaufphase. „Weil sie zuerst spielerisch und genial, dann aber praktisch dem Grundsatz gehuldigt habe, dass der individuelle schöpferische Wille stärker ist als jede objektive Struktur der Welt, der man sich anpassen müsste.“ Safranski zitiert den russisch-britischen Politik-Philosophen Isaiah Berlin. Er starb 1997 mit 88 Jahren in Oxford und wurde wie Johann Gottfried Herder in Riga geboren. Herders Aufzeichnungen seiner segelnden Ostseereise beeindruckten Goethe so sehr, dass er Mephistopheles im zweitem Faust sprechen lies: „Das freie Meer befreit den Geist.“
Goldene MAGA-Gefolgschaft
Wohin ungehemmter Wille eines Einzelnen oder einer Einzelnen, stärker als Institutionen und objektivierte Strukturen, noch führen kann, zeigen auf nicht minder abenteuerlich flammende Weise Donald Trump und seine MAGA-Jünger. Während Elon Musk noch unternehmerisch schöpferisches Chaos zuzustehen ist, zerren an Donald Trump unaufhörliche Kräfte destruktiver Selbstbehauptung und Selbstverwilderung. Symbolistische Rauschzustände und ungehemmte Selbstverwirklichungen winden sich zu radikalen Allmachtsphantasien. Solch einen Anlauf programmatischer Zerstörung der Vernunft hat noch ein anderer Frankfurter Schüler beschrieben: Georg Lukács in den 50iger Jahren: Einem immer leerer und formalistisch werdenden Weltbild „folgt notwendig, dass aus allen Poren eines derartigen >Rationalismus< überall irrationalistische Bächlein sickern müssen.“
Der ekstatische Strom zwischen Gemeinschaft und Abschottung, zwischen Weltflucht, nationaler Identität und rauschhafter Erfahrung ist kein sickerndes Bächlein mehr. Er entwickelt Sogwirkungen, die Badende tunlichst vermeiden sollten. Deutsche Parteihelfer singen ihre Lieder, rufen auf nebulösen Treffen zur Vertreibung von Bevölkerungsgruppen auf, bezeichnen Minderheiten in Deutschland als Ratten. Ihre ehemalige Parteivorsitzende Frauke Petry beobachtet eine gewisse Enthemmung und Obsession mit Hitler.
Der verklärende Umgang mit nicht versiegenden nationalsozialistischen Quellen aus Thüringen oder Österreich lassen heranrollende zerstörerische Kräfte romantisierender Politisierung nicht nur erahnen. Spätestens seit der Landtagswahl 2024 in Thüringen hat Deutschland eine neue Affäre. Aufgeflogen ist sie durch das Wahlprogramm der AfD. Blättert man, kommen gleich zu Beginn die Reime „Für Thüringen“ aus dem Volkslied „Rauscht ihr noch ihr alten Wälder“:
… Wie es taucht aus trauten Fluren
(Franz Langheinrich,1864-1945)
und es glänzt vom klaren Fluss,
Vaterhaus und Wanderspuren,
Waldeslust und Morgengruß.
Berge, Täler, wilde Orte,
Locken wehn und Mädchenworte
und die Lippe blüht vom Kuß.
Jahre, die da hingezogen,
eure Pulse fühl ich klar,
und des Lebens bunter Bogen
überspringt, was einst jung war.
Ernte wogt zu meinen Füßen,
Wälder rauscht mir, um zu grüßen,
Heimat auf mein weißes Haar…
Bewusstsein des Blut- und Boden-Ideologen
Stammten die Verse nicht aus der Feder von Franz Langheinrich, wären sie doch recht hübsch. Hinter den Zeilen taucht unverblümt ein glühender Nationalsozialist und das Bewusstsein der eigentlich 1945 abgeschafften, extrem aggressiven völkischen Deutschen Kunstgesellschaft auf. Langheinrich hetzte in seinen Lobeshymnen auf Adolf Hitler und Texten für NS-Parteiblätter gegen die „entartete Kunst“ und das „verkommene Untermenschentum unter semitischer Führung“. Die Kunstgesellschaft lebte ab 1930 im „Kampfbund für deutsche Kultur“ fort. Geleitet wurde sie vom „Blut-und -Boden“-Chefideologen der NSDAP Alfred Rosenberg, ein in Nürnberg hingerichteter Kriegsverbrecher.
Die Redaktion der Welt sichtete in der Berliner Kunstbibliothek Texte wie diese von Langheinrich, dem Lyriker der AfD. Hitler habe „die Seuchennester des Kunstbolschewismus ausgeräuchert und die gründliche Reinigung der deutschen Kunstsammlungen und Kunstschulen mit unerbittlich festem Zugriff begonnen. Deutschland reife einem glücklich emporblühenden Zeitalter entgegen“.
Frankfurts blauer Erker warnt am Großen Hirschgraben
Die Romantik verquickt Phantasmen mit dem Kritischen, das Verklärende mit dem Modernen. „Die Romantik triumphiert über dem Realitätsprinzip. Gut für die Poesie, schlecht für die Politik, falls sich die Romantik ins Politische verirrt“, lautet Safranskis schlichtes Fazit vom verhängnisvollen Verlauf der deutschen Affäre.
Am Großen Hirschgraben stehen sie beieinander: die romantischen und aufklärerischen Positionen. Sie legen ihre dialektische Beziehung zueinander offen. Dieses Mal sollte Deutschland der große Kampf um Irrationalismus und Rationalismus und seine unheilvollen Folgen eigentlich erspart bleiben. Zumindest sind die Frühwarnsysteme, wie die des Bundesverfassungsschutzes, einer in weiten Teilen kritischen Öffentlichkeit oder auch einer Deutschen Bundesbank am Finanzplatz Frankfurt aktiv. Eine Frankfurter Schule, die wichtig wird.
