BYCATCH und Nachhaltigkeit. Franklin und Hölzl zogen Wellenbrecher auf die Hauptwache. Ein ESG-Erlebnis.

Nur wenige Tage standen 30 Tetrapoden bis Anfang November auf der Frankfurter Hauptwache. Die Berliner Künstler Abie Franklin und Daniel Hölzl wollten mit ihren aufblasbaren Wellenbrecher BYCATCH (dt.  Beifang) die festsitzenden Ideen zur Entwicklung von Frankfurts wichtigstem Platz etwas zu lockern.

Der erste Eindruck trügt: neue Sicherheitspoller sind nicht gemeint. Die Tetrapoden sind den maritimen Wellenbrechern entlehnt. Sie werden seit den 50er Jahren zum Küstenschutz vor Erosion weltweit eingesetzt. Weil die vierwulstigen Tetrapoden laut Magistrat kein Oben und Unten kennen und auch „keine Orientierung vorgeben“, ließe sich die Kunstinstallation mit ihren unzähligen Raumhöhlen ganz individuell, tiefgründig entdecken. Ein Angebot für kollektive Reflexionen. Gesagt, getan.

BYCATCH ein Frankfurter ESG-Erlebnis, Hauptwache mit 30 aufblasbaren Tetrapoden

Dass die Aktion trotz vorweihnachtlicher Beleuchtung und Shopping Event gut zu ertragen war, lag allein an den Hyperobjekten. Ihre voluminöse Luftigkeit aus recycelbarer PVC-Folie hat in der Tat die Blicke auf allzu Vertrautes verändert. Gut verträglich war auch die gewagte Verschiebung der sonst meist schwimmenden, erklimmbaren und mit einem Sicherheitsnetz ausgestatteten Installation auf den asphaltierten Stadtboden.

Kaum erträglich an der Installation BYCATCH waren die offiziellen, lapidaren Begründungszusammenhänge aus dem politischen Raum. „Das Projekt ‚BYCATCH‘ steht für Gestaltung, Begegnung und Licht – Elemente, die wir gezielt in die Innenstadt bringen…. so wird ein Einkaufsbummel oder Restaurantbesuch in Frankfurt zu einem Erlebnis in besonderer Atmosphäre… Licht schafft Wärme und verbindet Menschen emotional.“ War damit alles gesagt? Kein Verweis auf Frankfurts neue Nachhaltigkeitsstrategie 2030+ und ihre 150 Maßnahmen, mit denen der Magistrat die Lebensqualität in Frankfurt dauerhaft steigern will.

Was ist BYCATCH?

Die Wellenbrecher waren schon immer ein Synonym für den Schutz menschlicher Lebensräume. „Doch die Betonkonstruktionen haben weltweit unzählige Ökosysteme zerstört, darunter auch deutsche Küsten und Feuchtgebiete.“ Das steckt im BYCATCH. Franklin-Hölz beziehen ihr Werk auf den ungewollten Beifang, wie in der Fischerei: unbeabsichtigt geangelte, gefangene und verletzte Meerestiere, die ins Meer zurückgeworfen werden und verenden. Solcher Beifang bedrohe massiv gefährdete Arten und marine Ökosysteme – laut WWF etwa 300.000 Wale, Delfine und Tümmler jedes Jahr.

Frankfurter Schule im Reinformat

Und dann der ungewollte Beifang der Wellenbrecher: Das Wasservolumen, was sie verdrängen, beschleunigt das Verschwinden genau jener Orte, die sie eigentlich schützen wollten. Diese verhängnisvolle Dialektik ist ein Erbe der Frankfurter Schule in Reinkultur. Vor mehr als 50 Jahren nahmen die Frankfurter Denker die erfolgreiche Naturbeherrschung als den Beginn einer vernunftgeleiteten Selbstzerstörung ins Visier. In einer „verwilderten Selbstbehauptung“ lebt das Verhältnis der Menschen und ihrer inneren Natur zueinander wieder auf, das mit der Vernunft und äußeren Naturbeherrschung eigentlich bezwungen schien. „So verfällt der Mensch letztlich wieder der Natur“ (Dialektik der Aufklärung, 1947).

Ausdehnungen „von dramatischer Qualität“

Franklin und Hölz bezogen die Idee ihrer überdimensionalen PVC-Brecher vom US-amerikanischen Literaturwissenschaftler und Philosophen Timothy Morton (2016 Ökologie ohne Natur. Eine neue Sicht der Umwelt). Morton beschreibt Hyperobjekte von dramatischer Qualität, die uns sowohl vertraut als auch fremd sind, wie das Wetter, Strömungen, Licht/Strahlung oder die globale Erwärmung. „Wo Hyperobjekte auftreten, sind bereits irreversible Veränderungen eingetreten, die unseren Handlungsspielraum meistens lediglich auf Bewältigungsstrategien reduziert.“

Morton will, dass wir unsere Vorstellung und Beziehung zur Natur als Ganzes radikal überdenken. Vor 390 Millionen Jahren krochen Tetrapoden und ersten Wirbeltiere aus den Ozeanen, um sich an Land neuen Lebensraum zu erschließen. Aber nachdem die Ressourcen auf dem Festland zu Neige gingen, gerieten die Nachkommen der Vierfüßer unter Druck.

Ertappt! Jetzt ist passiert, was vielleicht im Dezernat für Planen und Wohnen doch beabsichtigt war: „Mit ‚BYCATCH‘ zeigen wir, welches Potenzial in unserer Innenstadt steckt und wie wir sie zu einem Ort machen, an dem man sich gerne aufhält und Frankfurt erlebt.“ Somit wäre BYCATCH, statt launiger Atmosphäre, ein starkes Plädoyer zum Schutz natürlicher Lebensräume auf instabil städtischem Boden und zur Reflektion über den Beifang unserer Stadt. Andernfalls war BYCATCH in Frankfurt ein BUYCATCH.